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Bericht und Ausblick zur Podiumsdiskussion "Koiherpesvirus" anläßlich der InterKoi 2003 am 21.06.2003 in Rheda-Wiedenbrück


Die Podiumsdiskussion zum Thema Koiherpesvirus in diesem Jahr war gedacht als eine neue Variante der Informationsvermittlung für interessierte Profis und Koihobbyisten. Sie stieß mit ca. 100 Teilnehmern um 12.00 Uhr auf ein erfreulich gutes Publikumsinteresse. Auf der Seite der angekündigten Spezialisten fanden sich Herr Prof. Hoffmann vom Institut für Zoologie der Uni München, der in seinem Institut mit einer modernen PCR Methode den Nachweis des Koiherpesvirus durchführt, Herr Quillmann und Herr Fiege für den KLAN und alle organisierten Koihobbyisten, Herr Dr. Bretzinger, Fachtierarzt für Fische für die tierärztliche Praxis und Herr Landvogt als Sprecher für die im Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe organisierten Großhändler. Ich hatte die Ehre und Freude, diese Veranstaltung zu moderieren.

Herr Professor Hoffmann begann in der Vorstellungsrunde damit, die Arbeit seines Institutes vorzustellen und er erläuterte in einem Überblick, daß das Koiherpesvirus (KHV) seit 1997 in Deutschland zu massiven Problemen bei Koi und auch Karpfen geführt hat. Seit 2000 ist sicher, daß die von uns allen beobachtete infektiöse Kiemennekrose durch ein Herpesvirus verursacht wird. Ähnliche Krankheitsbilder werden jedoch auch durch andere Erreger und Ursachen hervorgerufen. Durch die PCR Technik kann man das Erbgut des KHV an toten, gekühlten oder gefrorenen Koi, vor allem in den Kiemen und dem Gehirn nachweisen. Daß das Herpesvirus im Körper derjenigen Fische, die die Infektion überstehen, in manchen Geweben überlebt und sich zurückzieht, ist durch die Arbeiten in München auch an klinisch gesunden Fischen zweifelsfrei nachgewiesen. Es soll versucht werden, in der Zukunft auch Techniken zu entwickeln, die am lebenden Koi eine Diagnose ermöglichen, ob der Fisch Virusträger ist (also eine potentielle Virusgefahr von ihm ausgeht) oder nicht. Die Untersuchungen in München werden derzeit vom Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe gesponsort.

Herr Quillmann als Präsident des KLAN hat vor allem die Bedeutung der Koiherpesviruserkrankung für das Koihobby beleuchtet. Da es in Japan derzeit diese Erkrankung nicht gibt, sind alle Japankoi hochempfänglich für die Erkrankung, Verluste bis zu 98% sind nicht selten. Die Überlebenden sind dann als Virusträger eine Zeitbombe für Neuzugänge. Gerade diejenigen Koifreunde, die Koi aus Japan pflegen, fürchten die Erkrankung sehr und sind an allen Hilfen, sich zu schützen, sehr interessiert. Daher hat Herr Quillmann für den KLAN eine finanzielle Beteiligung an wissenschaftlichen Untersuchungen, wie sie derzeit an der Uni in München gemacht werden, im Rahmen der Möglichkeiten zugesichert. Der KLAN hatte seit 2000 auch Unterstützung für ein Projekt an der Uni Hannover beim Institut für Fischkrankheiten, durch den Virologen Dr. Neukirch mitfinanziert. Die Ergebnisse waren in den letzten KLAN Magazinen vorgestellt worden.

Dr. Bretzinger beleuchtete das Bild der Koiherpesviruserkrankung von der Seite des Praktikers. Die Symptome einer schweren Kiemenerkrankung, verbunden mit Appetitverlust, fetzenartig abstehenden Hautveränderungen, Apathie und massive Kiemenschäden bis hin zur Kiemennekrose, dem Absterben der Kiemenplättchen, rechtfertigen den Verdacht, daß es sich um das KHV handelt. Auch er betonte jedoch, daß alle anderen Ursachen für derartige Kiemenschäden vorher ausgeschlossen werden müssen. Darunter sind vor allem auch schlechte Wasserwerte (Ammoniak, Sauerstoffmangel, Überfütterung und mangelhaft funktionstüchtige Filteranlagen) zu nennen, aber auch bakterielle Krankheiten, die man sich in den Teich einschleppen kann. Häufig bricht die KHV-Erkrankung nach dem Zukauf neuer Koi innerhalb ein bis drei Wochen aus. Maßnahmen, um einen erkrankten Bestand zu behandeln, umfassen Desinfektion des Wassers, Bäder gegen Parasiten und Antibiose zur Unterdrückung von bakteriellen Sekundärinfektionen.

Herr Landvogt vom Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe stellte ein interessantes Projekt der organisierten Zierfischgroßhändler vor. Vor dem Hintergrund des neuen Gewährleistungsrechtes und der bereits in Großbritannien und Niederlanden ergangenen Urteile war dem Großhandel in diesem Jahr klar, daß sie beim Verkauf von Koi dem Einzelhandel gegenüber in einer ganz besonderen Verantwortung stehen. Gleichzeitig erfordern die Verhältnisse im Großhandel, daß verschiedene Qualitäten, Größen und Herkünfte von Koi angeboten werden müssen. Daher haben sich alle angeschlossenen Großhändler verpflichtet, jede Koilieferung stichprobenhaft auf KHV untersuchen zu lassen. Noch aus dem Vorjahr vorhandene Bestände wurden mittels Blut- und Kiemenproben in München und Stendahl mittels PCR untersucht. Es wurde jede Lieferung bei Temperaturen zwischen 18 und 24 °C für drei Wochen in einer Quarantäne gehältert und die Käufer aus dem Einzelhandel erhalten mit der Lieferung das Untersuchungsergebnis auf KHV und dem Hinweis, daß auch sie nochmals eine dreiwöchige Quarantäne bei geeigneten Ausbruchstemperaturen durchführen sollten.
Zu Beginn der Saison waren alle Koi unauffällig, Koi aus Thailand waren bislang nicht als Virusträger aufgefallen. Mit steigenden Temperaturen fanden sich jedoch Virusträger von Herkünften aus China, Malaysia und Israel. Alle Tiere aus dem positiv getesteten Beständen und alle Koi, die mit ihnen in Verbindung kamen, wurden daraufhin getötet und die betroffenen Herkünfte wurden von der Bestellliste für diese Jahr gestrichen. Es waren bereits erste Reaktionen aus diesen Ländern zu bemerken, die zeigen, daß man sich bereits Gedanken macht, wie man den deutschen Markt wieder mit KHV-freien Koi beliefern kann. Hier nannte Herr Landvogt beispielsweise die Bemühungen, eine Vaccine gegen KHV zu entwickeln.

Zum Thema Vaccine antwortete Prof. Hoffmann, daß generell in der Tierhaltung gerade die Vaccinen gegen Herpesviren von besonderer Problematik sind und daß man es eben bei den Herpesvirusinfizierten Tieren mit lebenslänglichen Virusträgern zu tun hat. Daher kann die Impfung gesunder Tiere zu einem Impfschutz führen, der jedoch nicht garantiert, daß das geimpfte Tier nicht auch beim Kontakt mit dem Herpesvirus zu einem unerkannten Virusträger wird. Herpesvirusvaccine sind daher nicht geeignet, die Erkrankung aus Tierbeständen zu eliminieren. Gerade die Carrier (also die gesunden Virusträger) sind es, die nach der Beobachtung des Münchner Institutes immer wieder im Verlauf ihres Lebens Virus ausscheiden und bislang nicht infizierte Tiere anstecken können. Der Carrier erkrankt nicht, der bislang nicht infizierte Koi erkrankt schwer und stirbt in den meisten Fällen. Diese Beobachtung wurde von allen Anwesenden gemacht. Immer wieder wird auch in Zweifel gezogen, ob es sich wirklich um ein Herpesvirus handelt. Herr Professor Hoffmann ist davon nach den elektronenmikroskopischen und virologischen Untersuchungen an seinem Institut vollkommen überzeugt. Im Übrigen sprechen genau die Beobachten über Viruscarrier in Koibeständen dafür, daß wir es mit einem Herpesvirus zu tun haben.

Letztendlich wäre es nach meiner Erfahrung sogar unerheblich, ob das Virus nun "Herpes" heißt oder nicht, denn es ist aus der klinischen Erfahrung sicher, daß sowohl Überlebende als auch (mehrfach) "geimpfte" Koi früher oder später wieder zu Virusausscheidern werden können. Genau dies ist die Gefahr für virusfreie Koibestände, egal wie das Virus auch genannt wird.

Es wurden im Anschluß viele Fragen gestellt, die die Erkrankung betreffen. Von ganz zentraler Bedeutung war die Frage "Wie schütze ich mich vor der Einschleppung des KHV?" Hier wurde gerade die Bedeutung der Untersuchungsmöglichkeit mittels PCR herausgestrichen, die es nun sicher ermöglicht, bei dem Auftreten der Symptome zu einer sicheren und beweiskräftigen Diagnose zu kommen. Ein viruspositives Ergebnis mittels PCR wird von den Wissenschaftlern als sehr sicher eingestuft.
Will man Koi einkaufen, sollte man sich an den seriösen Fachhandel halten, der seine Koi ausschließlich aus Japan bezieht, dort gibt es nach aktuellem Stand des Wissens bislang keine KHV-Ausbrüche. Der nicht auf Japankoi spezialisierte Fachhandel hat die Untersuchungszeugnisse und Hälterungshinweise des Großhändlers, diese kann man sich zeigen lassen, dann weiß man wenigstens, daß der Großhändler an der Importbeprobung teilnimmt und bei der ZZF-Aktion teilnimmt. Dies ist derzeit durchaus ein Qualtitätsaspekt, da gerade von der Seite der Koigroßhändler viele Betriebe keineswegs dem ZZF angeschlossen sind, dies gilt in besonderem Maße für den Koigroßhandel in den Nachbarländern. Ähnliche Untersuchungsprogramme gibt es nur noch in Großbritannien.
Privatleute, die sich Koi kaufen und hinsichtlich der Herkunft nicht sicher sind, sollten auf alle Fälle drei Wochen Quarantäne mit den Neuzugängen machen und nach einer Woche einen Koi aus ihrem Altbestand hinzusetzen.
Der Koihändler sollte sich vor allen vor Mischungen von Koi aus verschiedenen Herkünften hüten und seine Koi, die er auf Koishows mitnimmt, danach für mindestens drei Wochen in strenge Quarantäne setzen.

Neben der Bedeutung der Quarantäne wurde auch die Frage beantwortet wie man vorgehen sollte, wenn das KHV in einem Bestand nachgewiesen wurde. Wenn alle Koi tot sind, kann man den Teich für einige Monate fischleer lassen, dann ist auch nach der Überzeugung von Professor Hoffmann das Virus verschwunden. Man kann auch zusätzlich mit Kaliumpermanganat oder chlorhaltigen Desinfektionsmitteln das Wasser desinfizieren, das Virus überlebt für längere Zeit (Wochen) jedoch nur im Koi und Karpfen, nicht in Goldfischen, anderen Gartenteichfischen und Stören. Wenn noch Koi überlebt haben, muß man sich der Tatsache bewußt sein, daß diese als Viruscarrier immer wieder Koi anstecken können, die die Krankheit noch nicht hatten oder nicht "immunisiert" wurden. Das gilt insbesondere für Japankoi, die eine zentrale Rolle im Koihobby spielen. Es wurde angeregt, ob man nicht eine Tauschbörse für infizierte Koi einrichten könnte, damit auch nach dem KHV neue Koi in einen infizierten Teich eingesetzt werden können. Die anwesenden Tierärzte versprachen, bei der Vermittlung zu helfen.

Hieran anschließend wurde eine interessante Frage gestellt, welchen Grund man denn überhaupt habe, mit diesem Virus zu leben? Aus der Sicht der Fischseuchenbekämpfung wäre es ebenso wie bei anderen Viruserkrankungen der Fisch keineswegs nötig, mit dem Virus in Europa zu leben. Das würde bedeuten, daß man befallene Koibestände tötet und gleichzeitig die Importuntersuchungen oder alternativ gleichwertige Untersuchungen in den Koizuchten veranlaßt. Ob dies mit staatlicher Kontrolle möglich sein wird, ist derzeit noch nicht klar. Sicher hängt dies auch davon ab, wie groß die Gefahr für die Karpfenbestände in Ostdeutschland eingeschätzt wird. Von EU Seite könnte eine staatliche Kontrolle bis hin zu Importverboten aus verdächtigen Ländern etabliert werden.

Leider kann man hier nicht die gesamte Veranstaltung wiederholen, ich habe mich jedoch darum bemüht, die wichtigsten Statements darzustellen. Ich möchte allen, die die Veranstaltung ermöglicht haben, sehr herzlich für ihr Engagement danken, insbesondere auch dem anwesenden Publikum, das interessiert mitdiskutiert und gefragt hat und auch den eingeladenen Fachleuten für ihr Kommen und ihre Unterstützung der Veranstaltung. Leider waren - obschon am Sonntag anwesend - gerade diejenigen Leute, die sich als KHV-Spezialisten in der Koipresse zu Wort melden, nicht anwesend. Sie hätten die Veranstaltung durch eine offene Diskussion der strittigen Fragen auf alle Fälle bereichern können.

  Als Ausblick nach nunmehr einigen Monaten Hochsommer und vielen KHV-Untersuchungen und -ausbrüchen möchte ich nun noch schlaglichtartig eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte wagen:
KHV ist eine Viruserkrankung, die nur Koi und Karpfen befällt und bei erstem Kontakt zwischen 18 und 24 °C zu extrem hohen Verlusten führt.
Nach dem Erstkontakt mit dem Virus bleibt der überlebende, gesunde Koi Virusträger (Carrier), er erkrankt bei erneutem Kontakt (in der Regel) nicht mehr. Der Erstkontakt kann auch eine gezielte "Immunisierung" mit dem Feldvirus sein.
Es ist möglich, KHV mittels PCR in bestimmten Labors nachzuweisen. Die PCR Methode weist bestimmte, nur für dieses Virus typische Teile des Erbgutes nach.
Impfungen mit attenuierten Viren (das sind solche, die nur noch die für das Immunsystem zur Antikörperbildung nötigen Eigenschaften tragen, aber nicht krankmachen) sind bei Herpesviruserkrankungen nicht dazu geeignet, die Einschleppung des Krankheitserregers zu verhindern, sondern nur dazu, daß keine Koi erkranken. Insofern kann sie eine falsche Sicherheit bedeuten.
Japankoibestände sind hochempfänglich für das KHV und müssen vor der Einschleppung geschützt werden, dies gilt auch für alle Koi, die noch nie mit dem Virus in Kontakt kamen.
Zum Schutz vor KHV sollte man nur Koi aus einem verantwortungsbewußten Handelsbestand kaufen, am besten sollte man die ausgesuchten Koi erst nach mindestens drei Wochen Quarantäne (mehr ist immer erlaubt) mitnehmen.
Spontankäufe bei Händlern, die man nicht sehr genau kennt und häufiger besucht, genauso wie Koi, von denen keine Herkunft bekannt ist (das kann auch für Koi aus Privatteichen gelten!) sollte man immer drei Wochen in Quarantäne halten und nach einer Woche mit einem Koi aus dem Altbestand vergesellschaften.
Fragen Sie Ihren Händler nach einem Untersuchungszeugnis auf KHV.
Es gibt keinen einzigen guten Grund, die Welt mit KHV zu durchseuchen. Alle, die Freude an schönen Koi haben, sollten durch ihr Kaufverhalten bei ihrem Händler Druck auf die Koierzeuger der Welt machen, dann kann man vielleicht erreichen, daß diese bei der Erzeugung ihrer Koi anfangen umzudenken und neue, virusfreie Bestände aufbauen.
Bei einem KHV Ausbruch ist alle, was mit Koi in Verbindung kommt, höchst ansteckend, das gilt für Kescher, Netze, Eimer, Wannen, Tische, Handtücher, Spritzen, feuchte Hände und Gummischürzen und Spritzwasser. Im Zweifelsfall sogar für Vögel, die Ihren Teich besuchen und zum Nachbar fliegen. Nebeneinanderstehende "Quarantänebecken" im Handel sind dann auch nicht mehr sicher!
KHV kann man durch Herausnahme aller Koi und Karpfen auch ohne Desinfektion nach etwa sechs Monaten wegbekommen. Neben Trockenlegen kann man auch Teich und Filter mit Wasser mittels Kaliumpermanganat oder Chloraminen desinfizieren.
Die Kaltüberwinterung ist keine geeignete Methode, Viruscarrier loszuwerden.
Egal wie man das Virus nennt, von dem wir sprechen, die Überlebenden und "immunsierten Koi" haben sich bislang nach der Beobachtung vieler Fachleute als Virusträger und potentielle Ansteckungsgefahr erwiesen!

Dr. Sandra Lechleiter, Stuttgart